Kulturelle Zwischennutzungen im Leerstand und ihre Imagewirkung auf den Stadtteil - Eine Gegenüberstellung von zwei Berliner Beispielen

Ziel der Arbeit war die Untersuchung der Imagewirkung von zwei kulturellen Zwischennutzungen im Leerstand in Berlin. Hierbei galt es, die Projekte einerseits auf deren Beitrag zu einer kulturellen Belebung der problembehafteten Stadtteile und einer Verbesserung der Identifikation der Bewohner mit dem Gebiet (Stärkung des Binnenimages), andererseits im Hinblick auf die Vermittlung positiver Signale über die Stadtteilgrenzen hinaus (Stärkung des Außenimages) zu untersuchen und zu bewerten. Die Umstände und Voraussetzungen, die zu den Projekten führten, sowie deren Organisation und Arbeitsweise waren jedoch sehr unterschiedlich.

Diesem Umstand wurde mit der Untersuchung und Bewertung des bis vor kurzem öffentlich geförderten und bereits seit Mitte 2001 laufenden, Projekts „Kolonie Wedding“ in leerstehenden Geschäftsläden im innenstadtnahen, gründerzeitlich geprägten Quartiersmanagementgebiet Soldiner Straße (Bezirk Mitte) anhand der Zielsetzungen des deutschen Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“ Rechnung getragen. Darin wird kulturellen Projekten und deren Imagewirkung eine zunehmend stärkere Bedeutung in der Stadtteilarbeit zugeschrieben.

Das Projekt „Sehenswürdigkeiten“ im vorwiegend vom Wohnungsleerstand betroffenen Stadtteil Cottbusser Platz/Grabenviertel in der am östlichen Stadtrand gelegenen Großsiedlung Hellersdorf war hingegen ein studentisches, viermonatiges Kunstevent in zwei leerstehenden Hochhäusern im Sommer 2002. Auch hier stand die Auseinandersetzung mit Leerstand und das Setzen positiver Impulse innerhalb und außerhalb der Großsiedlung im Vordergrund. Den thematischen Kontext für das Projekt lieferte jedoch die in breiter Öffentlichkeit geführte Diskussion um die Schrumpfung ostdeutscher Städte und die Frage nach dem Umgang mit leerstehenden Plattenbauten im Zuge des Bundeswettbewerbs „Stadtumbau Ost“.

Zur Untersuchung der Imagewirkung der kulturellen Zwischennutzungen wurde ein Methodenmix aus Anwohnerbefragungen, einer Analyse von Berliner Printmedien und leitfadenbasierten Interviews mit Experten aus den Bereichen Medien, Planung, Wissenschaft und Verwaltung entwickelt und auf die Untersuchungsgebiete und die temporären Nutzungen angewandt.

Darstellung der Imagewirkung von „Kolonie Wedding“

Abb. 1: Galerie von „Kolonie Wedding“ in der Berliner Prinzenallee

„Kolonie Wedding“ hat im Laufe seiner inzwischen mehr als zweijährigen Laufzeit einen großen Bekanntheitsgrad innerhalb des Soldiner Kiez erreicht. Das vielseitige Kulturprogramm hat nicht nur neues Publikum von außerhalb in den Wedding gelockt und die Kommunikation unter den ethnisch stark gemischten Stadtteilbewohnern nachweislich belebt, die gebotenen Veranstaltungen stimmen auch weitgehend mit den kulturellen Bedürfnissen eines großen Teils der Stadtteilbewohner überein. „Kolonie Wedding“ leistet integrative Stadtteilarbeit, die Anwohner werden in die Arbeit z.T. mit einbezogen bzw. können selbst aktiv werden, was für eine verbesserte Identifikation mit dem Gebiet förderlich ist. Der Fortbestand von „Kolonie Wedding“ zeichnet sich auch nach Wegfall der öffentlichen Förderungen ab. „Kolonie Wedding“ hat somit als Leuchtturmprojekt im Sinne der „Sozialen Stadt“ zu einer Veränderung der Wahrnehmung über den Soldiner Kiez bei Teilen der Anwohnern, junger Kreativer aus dem Wedding und anderen Stadtteilen und eines Teils des jungen Berliner Szenepublikums beigetragen. Dies ist auf die gelungene Kooperations- und Koordinationsarbeit zwischen den Künstlern und dem Eigentümer der Geschäftslokale seitens des aktiven und ideenreichen Quartiersmanagements Soldiner Straße ebenso zurückzuführen wie auf das Begreifen des Ladenleerstands als Chance für den Stadtteil und das Nutzen endogener Potenziale, wie bspw. die starke Medienresonanz auf die „Lange Nacht des Döners“ gezeigt hat. Für ein Kunstprojekt in Zeiten knapper öffentlicher Kassen hat „Kolonie Wedding“ damit sichtbare Partnerschaften im Kiez geschaffen.

Die Positionierung von „Kolonie Wedding“ als Marke ist auf die Konzentration der bespielten Geschäftsläden vorwiegend in einem Straßenzug und regelmäßigen „Tagen der offenen Tür“ zurückzuführen. Weitere Erfolgsfaktoren sind der E-mail-Verteiler von „Kolonie Wedding“ mit dem ebenso wie durch die mediale Berichterstattung von Organen wie Berliner Zeitung, taz, Zitty oder Scheinschlag ein kunstinteressiertes Publikum innerhalb und außerhalb des Stadtteils erreicht wurde. Die im Vergleich zu „Sehenswürdigkeiten“ geringere mediale Aufmerksamkeit ist einerseits auf eine erschwerte Wahrnehmbarkeit des Projekts aufgrund einer Vielzahl ähnlich gelagerter Projekte in Berlin zurückzuführen, andererseits auf den integrativen und nicht vorwiegend auf mediale Aufmerksamkeit ausgerichteten Ansatz von „Kolonie Wedding“.

Im Rahmen von „Kolonie Wedding“ waren kommerziell orientierte ökonomische Aktivitäten nur in bescheidenem Maße bspw. durch Eintrittsgelder bei Veranstaltungen, Ausschank von Getränken oder dem Verkauf von Kunstwerken feststellbar. Auch eine Reduktion des Leerstands durch kommerzielle Nutzungen ist nicht eingetreten. Mittel- bis langfristig bedarf es somit der Investitionen von Seiten ideenreicher Unternehmer, welche jedoch angesichts der „Gründerhemmnisse“ bei der Kreditvergabe und seitens der Politik kurz- bis mittelfristig nicht zu erwarten sind.

Darstellung der Imagewirkung von „Sehenswürdigkeiten“

„Sehenswürdigkeiten“ hat als ein auf mediale Wirkung ausgerichtetes Event vorgeführt, wie mit dem richtigen Konzept kurzfristig große Aufmerksamkeit für ein aktuelles gesellschaftliches und planerisches Thema erreicht werden kann. Diese Wirkung wurde jedoch fast ausschließlich außerhalb der Großsiedlung Hellersdorf, hier jedoch sowohl auf gesamtstädtischer als auch überregionaler Ebene erzielt. Das Projekt brachte damit die Diskussion über Leerstand in den Plattenbaugebieten einem breitem Publikum nicht nur berlinweit näher. Zudem hat der Zugang des Projekts zur „Ressource Plattenbau“ einen anderen Umgang mit leerstehenden Gebäuden abseits von Abriss und Rückbau aufgezeigt und die Leerstandsdebatte mit einem positiven Beispiel bereichert. Das Projekt hat das Bild von Großsiedlungen in der Öffentlichkeit insgesamt zwar nicht verändert, aber bereichert und vorgeführt, was mit der als baulich unflexibel, monoton und trist stigmatisierten „Platte“ möglich ist.

Abb. 2: Der Projektstandort von „Sehenswürdigkeiten“ im Berliner Bezirk Hellersdorf-Marzahn

Aufgrund des starken Selbstbezugs wirkte das Projekt jedoch weder nachhaltig noch integrativ im Stadtteil. Die Kunstaktion hat die Anwohner inhaltlich nicht erreicht und aufgrund der kurzen Laufzeit im Gegensatz zu „Kolonie Wedding“ vergleichsweise schwache Spuren hinterlassen. Die stärkere Außen- als Binnenwirkung resultiert auch daraus, dass viele Anwohner eine viel positivere und differenziertere Wahrnehmung von ihrem Wohnumfeld haben als im Soldiner Kiez. Dies hängt einerseits mit deren Bild der Großsiedlung zusammen, welche zu DDR-Zeiten großen Teilen der Bevölkerung neuen Wohn- und Lebensraum bot sowie mit einer Art Trotzreaktion („Das Beste an den Plattenbaugebieten ist, das es hier keine Wessis gibt“) über die Diffamierung des Bau- und Kulturerbes des „deutschen sozialistischen Staats“ und in der Folge der eigenen ostdeutschen Identität. Andererseits sind die Gründe dafür auch im Ausbau der Infrastruktur und Versorgungsleistung sowie in aufwändigen Sanierungsmaßnahmen an Wohngebäuden und im Wohnumfeld in den Nach-Wende-Jahren zu suchen.

Mediale Aufmerksamkeit wie im Falle „Sehenswürdigkeiten“ ist in diesem Maße jedoch nicht beliebig wiederholbar. Hinsichtlich der Übertragbarkeit auf andere leerstandsbetroffene Städte ist anzumerken, dass „Sehenswürdigkeiten“ zu einigen Nachfolgeprojekten geführt hat, die aus dem (medialen) Erfahrungsschatz von „Sehenswürdigkeiten“ profitieren und teilweise auch integrativ in betroffenen Stadteilen wirk(t)en (z.B. Superumbau Hoyerswerda, Hotel Neustadt in Halle/Saale). Diese mediale Wirkung ist insbesondere im Zusammenhang mit einer „Ost-Retrowelle“ Anfang 2002 und dem „Kult um die Platte“ zu sehen, die gerade in Westdeutschland auf große Resonanz eines jungen Publikums gestoßen ist.

„Sehenswürdigkeiten“ ist heute vor allem einem jungen Berliner Publikum in den Szene-Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, in den mittleren Verwaltungsebenen der Bezirke und des Senats des Landes Berlin sowie einem entsprechendem Fachpublikum aus Planung, Wissenschaft und Medien bekannt und wird dort gerne als „Vorzeigeprojekt“ zitiert.

Einschränkend ist jedoch festzustellen, dass das Hochhaus wieder leersteht, was nicht nur zu einem Wiederaufflammen der Diskussion um den Fortbestand der „Zwillingstürme“ geführt hat, sondern auch für einige der befragten Stadtteilbewohner deprimierend wirkt. Auch weitere im Anschluss an das Projekt geplante temporäre Nachnutzungen der Hochhäuser wurden nicht realisiert.

Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen

Kulturelle Zwischennutzungen in leerstehenden Immobilien können Marktgeschehen in den Stadtteilen nicht ersetzen und die strukturellen Probleme nicht dauerhaft lösen. Sie können jedoch durch die Nutzung endogener Potenziale im Stadtteil und der Umdeutung von Leerstand als Chance zu einer Veränderung der Wahrnehmung dieser Stadträume und damit zu einer Belebung und Bereicherung der kulturellen Landschaft und z.T. zum Abbau von Vorurteilen und Negativimages der stigmatisierten Quartiere beitragen. Eine längerfristige Imagewirkung ist jedoch nur mit einer mittel- bis langfristigen Perspektive im Rahmen von Projekten der Stadtteilarbeit zu erreichen. Kurzfristig ausgelegte Projekte (Events) können vereinzelt und meist nur über eine kurze Zeitspanne hinweg die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine aktuelle gesellschaftliche und planerische Fragestellung, wie im Fall von „Sehenswürdigkeiten“ für die Thematik „Plattenbau“, lenken und Lösungen anbieten. Sie sind jedoch darüber hinaus dazu geeignet, zu einem Umdenkprozess von Kreisen der Verwaltung, Planung und Immobilienwirtschaft bezüglich eines neuen Umgangs mit Leerstand zu gelangen. Als Erfolgsfaktoren für den Beitrag der Projekte zu einer veränderten Wahrnehmung der Stadtteile sind festzuhalten:

1.                  Die Aktivität und der Ideenreichtum der Projektinitiatoren um Öffentlichkeit zu erzeugen. Dies ist in beiden Fällen gelungen und als Forderung für weitere Projekte ebenso zu sehen wie das Zurückgreifen auf endogenes Potenzial des Stadtteils und dem Begreifen von Leerstand als Chance. Dies ist auch im Hinblick auf die Förderwürdigkeit temporärer Nutzungen bedeutsam.

2.                  Kooperationen wurden sowohl auf lokaler als auch gesamtstädtischer Ebene gesucht und hergestellt, im Falle von „Kolonie Wedding“ auch mit Anwohnern.

3.                  Die längerfristige Perspektive und integrative Ausrichtung von Projekten wie „Kolonie Wedding“ kann auch innerhalb des Stadtteils eine verbesserte Identifikation und Beteiligung von Teilen der Wohnbevölkerung bewirken.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass kulturelle Zwischennutzungen keine dauerhafte Lösung für das Problem Leerstand darstellen sondern primär als Beitrag zur Identitätsstiftung einzuordnen sind. Im Falle des Leerstands von Einzelhandelsflächen sind deshalb weder Investitionen in die betroffenen Stadtteile noch eine Stärkung nicht ausschließlich innerstädtischer und peripherer Zentren und Einkaufslagen seitens der Stadt- und Wirtschaftsplanung zu ersetzen. Bezüglich des Leerstands im Wohnungssegment in Großsiedlungen bleibt anzumerken, dass hier bereits eine Vielzahl planerischer Werkzeuge entwickelt wurden um die Dimension des Leerstands abzubauen, Kunstprojekte jedoch einen wichtigen Beitrag zur Begleitung und Sichtbarmachung der Schrumpfungsprozesse darstellen.

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Stephan Nico Mayer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik. Stephan Mayer hat Raumplanung an der TU Wien und der TU Berlin studiert.

Links zu den untersuchten kulturellen Zwischennutzungen:

www.koloniewedding.de; www.anschlaege.de

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 03. Mai 2004
Autor: Stephan Mayer