Segregation und Gentrification in der schrumpfenden Stadt?

Problemstellung und Ziel des Projektes

Vor dem Hintergrund der rasanten Bevölkerungsverluste ostdeutscher Städte sowie der absehbaren demografischen Entwicklungen in Deutschland hat sich die Diskussion um die stadtentwicklungspolitischen Folgen von Schrumpfungsprozessen in den letzten Jahren deutlich verstärkt. Bislang fehlen jedoch Erkenntnisse zu den kleinräumigen Differenzierungen, die sich im Rahmen einer gesamtstädtischen Schrumpfung vollziehen, zu den soziokulturellen Hintergründen und den Trägern dieser Prozesse, sowie zu den Folgen, die diese Umschichtungsprozesse letztendlich für die Stadtgesellschaften haben. Das Projekt soll dazu beitragen, dieses Forschungsdefizit abzubauen.

Am Beispiel innenstadtnaher, gründerzeitlicher Wohngebiete in der Stadt Leipzig wurde zunächst untersucht, ob und in welcher Form sich seit der Wende eine Auflösung bestehender Bewohnerzusammensetzungen vollzogen und eine Um- bzw. Neubewertung der Wohnstandorte stattgefunden hat. Eine Besonderheit des Projekts ist sein Längsschnittcharakter, da vergleichbare statistisch-quantitative Daten aus Vorgängeruntersuchungen (siehe Wiest 1997) zur Verfügung stehen. Insbesondere durch die Gegenüberstellung von Mitte der 1990er Jahre erhobenen Datenmaterial mit aktuellen Erhebungen aus dem Jahr 2002 lassen sich wichtige Entwicklungen der Wohngebiete nach der deutschen Vereinigung erkennen. Neben der statistisch-quantitativen Erfassung des Wandels wurde sozio-kulturellen Ursachen der Auf- und Abwertung von Stadtgebieten anhand wahrnehmungsgeographischer und qualitativer Methoden nachgegangen.

„Schrumpfende Stadt“ und Gentrification – kontrastierende oder sich ergänzende Konzepte?

Deindustrialisierung, ein geringer Anteil an hochbezahlten Arbeitsplätzen in Dienstleistungsberufen, soziodemografische Faktoren wie Überalterung und brain drain gelten im allgemeinen nicht als Motoren der Gentrification. In diesem Sinn wurde bereits die wirtschaftliche Rezession der frühen 1990er Jahre in England und den USA von einigen Autoren als Ende der Gentrification gedeutet. Als Kennzeichen der Post-Gentrification-Ära werden u.a. der kleinere Pool an potentiellen Gentrifiern, die reduzierte Nachfrage nach entsprechenden Wohnmöglichkeiten und daher die abnehmende Bedeutung der Gentrification für die Stadtentwicklung genannt (Bourne 1993, S. 103f). Anknüpfend an die Debatte um eine Degentrifizierung stellt sich die Frage, inwieweit Beziehungen zur bundesdeutschen Diskussion um „schrumpfende Städte“ in Ostdeutschland bestehen und davon Impulse für die ostdeutsche Gentrificationforschung ausgehen können.

In der Diskussion um die stadtentwicklungspolitischen Folgen von Schrumpfungsprozessen fällt jedoch auf, dass eine einheitliche Problemdefinition fehlt. Je nach Fragestellung treten entweder wirtschaftliche, demografische, soziale, bauliche, finanzielle oder funktionelle Faktoren in den Vordergrund. Besonders im Zusammenhang mit den Entwicklungen in ostdeutschen Städten sind zahlreiche Veröffentlichungen erschienen, die die Auswirkungen der Bevölkerungsschrumpfung in den Mittelpunkt der Analyse stellen und hier insbesondere den Wohnungsleerstand thematisieren. In diesem Zusammenhang findet auch häufig der Begriff des Mietermarktes Verwendung. Im Unterschied zu den komplexen Inhalten des Begriffs „Schrumpfung“ bezieht sich die Bezeichnung „Mietermarkt“ auf das Verhältnis von Wohnangebot und -nachfrage und richtet sich damit konkret auf die Situation des ostdeutschen Wohnungsmarktes mit einem erheblichen strukturellen Angebotsüberhang bei hohem Mietwohnungsanteil. Der Begriff der Schrumpfung erweist sich demgegenüber insbesondere dann als nützlich, wenn sich Erklärungen für sozialräumliche Differenzierungen nicht allein auf die Ebene des Wohnungsmarktes beschränken, sondern darüber hinausgehend im wirtschaftlichen, demographischen und kulturellen Strukturwandel gesucht werden. Das bedeutet u.a., dass die Ursachen für qualitative und quantitative Nachfrage- und Angebotsveränderungen analysiert werden, die mit der sozialen und ökonomischen Entwicklung der Gesamtstadt in Zusammenhang stehen. Um das Ausmaß und die unterschiedlichen Dimensionen von Schrumpfung zu erfassen, haben wir einen Indikatorenkatalog zusammengestellt, der gentrificationfördernden Bedingungen gegenübergestellt wird (vgl. Tab. 1).

Tabelle 1: Indikatoren für Schrumpfung und gentrificationfördernde Bedingungen (Entwurf: Wiest, K. 2004b)

 

Indikatoren für Schrumpfung

gentrificationfördernde Bedingungen

demografische Dimensionen

Bevölkerungsent-wicklung

überdurchschnittlicher Einwohnerrückgang

stagnierende bzw. wachsende Einwohnerzahlen vor allem durch den Zuzug junger Bevölkerungsgruppen mit urbanen Wohnpräferenzen

Wanderung

negativer Wanderungssaldo, geringe bis fehlende interregionale u. internationale Zuwanderung

positiver Wanderungssaldo, starke überregionale Zuwanderung

Altersstruktur

starke, zunehmende Überalterung

zuwanderungsbedingte Zunahme junger Bevölkerungsgruppen

Haushaltsstrukturen

unterdurchschnittliche u. rückläufige Bedeutung von jungen Haushalten und Familien

wachsende Bedeutung junger und neuer Haushalte, rückläufige Bedeutung von Familien, abnehmende Haushaltsgrößen

ökonomische Dimensionen

Arbeitsmarkt

überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit, niedrige Erwerbsquote

Arbeitsplatzwachstum, niedrige Erwerbslosenquote

Einkommen, Kaufkraft

stabile oder rückläufige Realeinkommen, geringe Kaufkraft

wachsende Realeinkommen, hohe Kaufkraft

Branchenstruktur

Deindustrialisierung (Bedeutungsverlust des sekundären Sektors)

diversifizierte Branchenstruktur mit starker Ausprägung des Dienstleistungsbereichs auf Grundlage einer starken industriellen Basis, „new economy“

kommunale Finanzen

fehlende Einnahmen, überdurchschnittliche Defizite, wachsende Einsparungen

umfangreiche öffentliche Investitionen in die Infrastruktur

Wohnungsmarkt

starker und zunehmender Wohnungsleerstand, Überangebot auf vielen Teilmärkten („Mietermarkt“)

geringer Anteil an innerstädtischem Wohneigentum

Angebotsverknappung auf vielen Teilmärkten („Anbietermarkt“)

wachsender Anteil an innerstädtischem Wohneigentum

infrastrukturelle, kulturelle Dimensionen

Freizeit

geringe/einseitige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung

attraktive, vielseitige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung

Kultur

einseitiges bzw. abnehmendes Angebot

vielfältiges, differenziertes Angebot

Bildung

geringe bzw. rückläufige Bedeutung als Ausbildungsstandort

zentrale und zunehmende Bedeutung als Ausbildungsstandort, wichtiger Hochschulstandort

 

Dieser Katalog benennt Strukturmerkmale auf gesamtstädtischer Ebene, die den Umfang und die Intensität von Gentrificationprozessen beeinflussen können. Dabei wird schnell erkennbar, dass viele Kennzeichen von Schrumpfungsphänomenen im Widerspruch zu den Faktoren stehen, die allgemein als gentrificationfördernd gelten. So bedingen z.B. regionale Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftskraft den Zuzug von Arbeitnehmern, die wiederum die Stärke und Art der Wohnungsnachfrage beeinflussen. Junge Beschäftigte in Unternehmen der Medien-, Software-, Informations- und Kommunikationsbranche sowie der Biotechnologie, die als potentielle Nachfrager nach innenstadtnahen Wohnmöglichkeiten gelten, sind zum Beispiel in den ostdeutschen Städten - mit Ausnahme Berlins - im Vergleich mit westdeutschen Großstädten eher schwach vertreten. In diesem Zusammenhang wurde immer wieder hervorgehoben, dass in Ostdeutschland neue Haushaltstypen nur einen geringen Anteil an der städtischen Bevölkerung einnehmen und entsprechende Lebensstile mit den dazugehörigen urbanen Wohnpräferenzen kaum ausgeprägt sind (z.B. Harth, Herlyn, Scheller 1996). Eine (unvollständige) Operationalisierung von Schrumpfung bzw. gentrificationfördernden Bedingungen mit Hilfe einiger zentraler statistischer Kennziffern gibt hier bereits Hinweise auf die jeweilige Position einzelner Kommunen im Städtevergleich (vgl. Tab. 2).

 

Tabelle 2: Strukturmerkmale der größten Städte in den neuen Ländern (> 200.000 EW), Quelle: Statistische Ämter der Städte

 

Einwohner am 31.12.2002

empirische Studien

Einwohner-entwicklung 1990-2000*

Umzüge im Stadtgebiet auf 1.000 der Bevölk. 2001

Arbeits-losenquote 31.12.2002

Kaufkraft-index 2002 BRD=100

Ausländer-anteil in % am 31.12.2002

Leipzig

494.795

Südvorstadt, Waldstraßenviertel 1994 und 2002 (Wiest)

-15,3

124

18,1

86,0

6,3

Dresden

474.730

äußere Neustadt

2002 (Glatter)

-8,8

113

14,0

88,7

3,4

Chemnitz

252.618

---

-21,8

98

18,4

85,4

2,6

Halle

237.951

Paulusviertel

2000 (Friedrich)

-20,3

85

21,7

81,2

3,7

Magdeburg

227.990

1996 (Harth/Herlyn/

Scheller)

-17,0

119

18,8

84,9

3,2

Erfurt

199.967

Andreasviertel, Ostviertel 1996

(Weiske)

-10,4

113

18,0

85,7

2,4

zum Vergleich: die größten westdeutschen Städte

Hamburg

1.728.806

St. Pauli, St. Georg, Mühlenkamp 1988

(Dangschat/ Friedrichs)

3,8

65

9,3

109,3

14,8

München

1.264.309

 

-2,3

78

5,6

131,8

22,9

Köln

1.020.116

Nippes 1993 (Blasius)

1,0

69

11,1

114,8

17,8

Frankfurt

649.933

1999 (Noller)

2,6

69

6,0

112,6

26,4

Düsseldorf

571.005

Oberbilk 1995 (Schneider)

-1,2

80

8,1

126,6

16,9

* bei Leipzig, Dresden, Chemnitz und Erfurt wurden die eingemeindeten Ortsteile herausgerechnet

Die Einwohnerentwicklung und der Ausländeranteil als Indikatoren für die Anziehungskraft der Stadt sowie die Kaufkraft als Indikator für den ökonomischen Status der Stadtbewohner veranschaulichen, dass sich Wohnstandortentscheidungen in westdeutschen Metropolen und den größten Städten Ostdeutschlands unter ganz unterschiedlichen Prämissen vollziehen. Aber auch der Blick auf die Einwohnerzahlen macht deutlich, dass bekannte Gentrificationstudien in den alten Ländern meist in Städten über 500.000 Einwohnern durchgeführt wurden. Die größten Städte in den neuen Ländern, in denen nach Aufwertungsprozessen gesucht wird, erreichen dagegen nicht einmal die 500.000 Einwohnergrenze. Trotz dieser unterschiedlichen Rahmenbedingungen zeigen empirische Studien in altindustrialisierten, schrumpfenden Regionen, dass Stadtzentren auch bei gesamtstädtischen Einwohnerverlusten weiterhin Zuzug aufweisen (vgl. Lambert & Boddy 2002, S. 4f.). Hier stützen insbesondere die Revitalisierungsbemühungen in den Innenstädten und die gleichzeitige Abwertung anderer Stadtteile den Prozess der Gentrification. Auch die kulturelle Inwertsetzung entindustrialisierter, innerstädtischer Flächen kann die Aufwertung der Innenstädte vorantreiben. Allerdings gewinnen in diesem Zusammenhang auch außerökonomische Aspekte zur Erklärung sozialräumlicher Differenzierungsprozesse an Bedeutung. Diese erschließen sich vor allem auf der Ebene der Akteure, ihren Motiven sowie den soziokulturellen Hintergründen ihres Handelns.

Ergebnisse

In der Vorgängeruntersuchung (siehe Wiest 1997) wie auch in anderen wissenschaftlichen Untersuchungen (Harth, A., Herlyn, U. & G. Scheller 1996) – konnten etwa bis Mitte der 1990er Jahre keine oder kaum ausgeprägte Segregations- oder Gentrificationprozesse in den innerstädtischen Altbauvierteln festgestellt werden. In dieser Phase war die Entwicklungsdynamik der Altbauviertel vor allem durch massive Bevölkerungsverluste und das Einsetzen der Sanierung geprägt. Das Jahr 1997 markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung der ostdeutschen Cityrandgebiete. Von den veränderten Rahmenbedingungen auf dem Wohnungsmarkt (Leerstand, sinkende Mietpreise) gehen neue Impulse aus. Die zunächst noch verhaltene, vorwiegend durch die sozial selektive Abwanderung ins Umland sowie in andere Regionen getragene Entmischung der Sozialstrukturen erfährt ab 1997 eine deutliche Beschleunigung durch eine extrem angestiegene Umzugshäufigkeit unter den Bedingungen eines Mietermarktes. Auf Grund der unterschiedlichen Wanderungsbilanz und Einwohnerentwicklung, der Investitions- und Bautätigkeit und der funktionalen Strukturen kristallisieren sich in innerstädtischen Wohngebieten ab 1999 zunehmend Unterschiede zwischen den bevorzugten und weniger bevorzugten Lagen heraus.

Abbildung 1: Vergleich der Einkommensstrukturen 1994 und 2002 (eigene Erhebungen)

Kennzeichen der Gebiete mit Aufwertungstendenzen sind u. a. eine positive Einwohnerentwicklung seit Ende der 1990er Jahre, die deutliche Zunahme von Bewohnern mit höheren Bildungsabschlüssen und/ oder überdurchschnittlichen Nettohaushaltseinkommen (Abb.1) sowie der Bedeutungsgewinn höherrangiger Dienstleistungsfunktionen. Dass sich in den innerstädtischen Vierteln in den letzten Jahren eine vergleichsweise mobile, jedoch stark auf innenstadtnahe Standorte orientierte Bewohnerschaft etabliert hat, machen die Zuzugsgründe in die Gebiete deutlich: Ein Großteil der Nennungen entfiel auf urbane Standortvorteile wie Citynähe, die Erreichbarkeit von Kultur- und Gastronomiebetrieben, die Nähe zu Universität und Arbeitsplatz. Einen wesentlichen Faktor stellt aber auch das besondere Flair der Gebiete dar. Insbesondere in den Untersuchungsgebieten Leipziger-Südvorstadt und Leipzig-Waldstraßengebiet entfielen knapp ein Viertel der Nennungen auf die spezifische Atmosphäre von Altbauvierteln, das gründerzeitliche Ambiente sowie das besonders positive Image der Wohngebiete (Tab. 3).

Tabelle 3: Zuzugsgründe der ab 1998 in die jetzige Wohnung gezogenen Bewohner citynaher Altbaugebiete  (in %, Mehrfachnennungen möglich, eigene Erhebungen)

 

Leipzig-Neustädter Markt

Leipziger-Südvorstadt

Leipzig-Waldstraßenviertel

Lage (insbesondere Citynähe)

26

17

31

Altbau-Atmosphäre, Flair gründerzeitliches Ambiente

2

12

13

Image (u.a. Milieu/Szene, beste Wohngegend etc.)

1

11

9

Erreichbarkeit von Kneipen, Kultur, Gastronomie

0

9

1

Nähe zu Grünflächen, Parkanlagen

0

12

17

Infrastruktur (Schule/ Kindergarten, Einkaufen, Verkehrsanbindung)

4

7

3

Wohnqualität (Wohnqualität, Ruhe)

1

2

4

Nähe z. Arbeits-/Ausbildungsplatz (u.a. Uni)

12

10

8

Freunde in der Nähe

12

9

2

bin hier verwurzelt

11

3

4

Zuzug vom Stadtteil unabhängig (Zufall, Zuweisung)

26

5

6

sonstige Gründe

5

3

2

gesamt

100%

100%

100%

N (Anzahl der Nennungen insgesamt)=

162

446

450

Da lokale Einwohnerzuwächse unter Schrumpfungsbedingungen in starkem Maße an die innerstädtischen Wanderungsströme gebunden sind, bedingen diese an anderer Stelle Abwanderung, Entleerung und Funktionsverluste. Städtische Räume mit Abwertungstendenzen zeichnen sich u.a. durch einen zunehmenden Wohnungs- und Geschäftsleerstand, unterdurchschnittliche Sanierungs- und Instandsetzungsquoten, die Konzentration benachteiligter Bevölkerungsgruppen sowie einen Abbau der Stadtteilinfrastruktur aus.

Orientiert man sich bei der Analyse von Gebieten mit Aufwertungstendenzen an bekannten Gentrificationstudien aus den alten Bundesländern (vgl. Tab. 2, insbes. Blasius 1993, Dangschat & Friedrichs 1988) mit der vereinfachten Darstellung von Gentrifier- und Pionierhaushalten als Träger von Aufwertungsprozessen, dann lassen sich vordergründig ähnliche Entwicklungen wie in Vergleichsstudien aus Städten der alten Bundesländer identifizieren. Betrachtet man allerdings Verlauf, Geschwindigkeit und Niveau der Prozesse, so sind auffällige Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale charakteristisch: So bedingt der Mietermarkt auf der einen Seite die selektiven Umzugsbewegungen und somit eine Beschleunigung der Entmischungsprozesse. Auf der anderen Seite ermöglicht dieser aber auch den Zugang statusniedriger Gruppen zu Wohnraum in Stadtvierteln mit (potentiellen) Aufwertungstendenzen. Die Art des Verlaufs des Quartierswandels könnte man vor diesem Hintergrund als „sanfte“ Gentrifizierung bezeichnen: So fand ab 1997 in den untersuchten Gebieten weder eine nennenswerte Verdrängung der alteingesessenen Bewohnerschaft unter dem Druck von Investoren oder explodierenden Mietpreisen, noch die für westeuropäische Gentrificationphänomene typische Umwandlung des Mietwohnungsbestandes in Eigentumswohnungen statt. Gegen eine „verdrängende“ Gentrification sprechen dagegen auch längerfristig

  • die verhältnismäßig geringen ökonomischen Zugangsbeschränkungen auf dem Wohnungsmarkt aufgrund des gesamtstädtischen Wohnraumüberhangs,
  • die Vielzahl an alternativen Wohnmöglichkeiten in ostdeutschen Städten, die den Nachfragedruck auf einzelne Gründerzeitgebiete entschärft,
  • sowie die vergleichsweise geringe Zahl an Haushalten mit überdurchschnittlichen Einkommen an der Stadtbevölkerung (Abb. 1).

Stand bei der Interpretation des statistisch-quantitativen Datenmaterials besonders der Einfluss des ökonomischen und demografischen Wandels unter dem Schlagwort „Schrumpfung“ als Erklärung im Zentrum, so traten im Kontext qualitativer Methoden kulturelle Aspekte als Motoren der Auf- und Abwertung von Stadträumen in den Vordergrund. Im Rahmen der Tiefeninterviews wurde deutlich, dass sich die Auf- und Abwertung einzelner Stadträume nur unzureichend auf Grundlage von baustrukturellen Merkmalen oder ökonomischen Handlungsspielräumen der Nachfrager erklären lässt. Vielmehr hat sich gezeigt, dass öffentlichen Diskursen über städtische Teilräume gerade unter den Bedingungen eines Nachfragermarktes eine ganz zentrale Bedeutung zukommen. Hier stehen intersubjektive Dimensionen und Prozesse sozialer Kommunikation im Mittelpunkt, die sich in der Bewertung von Wohnstandorten und der gesellschaftlichen Produktion von stadträumlichen Vorstellungsbildern niederschlagen. In der bisherigen Untersuchung wurde erkennbar, dass über die Stadträume zum Teil sehr stark ausgeprägte Stereotype vorliegen, die die Gesprächspartner scheinbar selbstverständlich in ihre Äußerungen und Handlungen einbeziehen. Allerdings blieb offen, welche Logik derartigen Stereotypisierungen zugrunde liegt und welche Funktionen sie im Kontext von Gentrification- und Segregationsprozessen übernehmen.

Diesen Fragen wird in einer Weiterführung des Projekts unter dem Titel „Segregation und Gentrification in der schrumpfenden Stadt – Die Bedeutung raumbezogener Stereotype und Symbole“ nachgegangen. Anliegen ist es, mittels einer Medienanalyse und Tiefeninterviews die vorhandenen Ergebnisse zum Wandel in den Untersuchungsgebieten und zur Wohnortwahl aus Sicht der Nachfrager mit der Rekonstruktion der Inhalte öffentlicher Diskurse über städtische Teilräume zu verknüpfen.

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Dr. Karin Wiest ist Geographin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Länderkunde.

André Hill ist Raumplaner und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Länderkunde.

 

Literatur

Blasius, J. 1993: Gentrification und Lebensstile. Eine empirische Untersuchung. Wiesbaden.

Bourne, L. 1993: The demise of gentrification? A commentary and prospective view. In: Urban Geographie 14, H.1, S. 95-107.

Dangschat, J. & J. Friedrichs 1988: Gentrification in der inneren Stadt von Hamburg. Eine empirische Untersuchung des Wandels von drei Wohnvierteln. (= Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung). Hamburg.

Franz, P. 2000: Soziale Ungleichheit und Stadtentwicklung in ostdeutschen Städten. In: Harth, A., Scheller, G. & W. Tessin (Hrsg.): Stadt und soziale Ungleichheit. Opladen. S. 160-173.

Friedrich, K. 2000: Gentrifizierung. Theoretische Ansätze und Anwendung auf Städte in den neuen Ländern. In: Geographische Rundschau 52, H.7/8, S. 34-39.

Harth, A., Herlyn, U. & G. Scheller 1996: Ostdeutsche Städte auf Gentrificationkurs? Empirische Befunde zur „gespaltenen“ Gentrification in Magdeburg. In: Friedrichs, J. & R. Kecskes (Hrsg.): Gentrification. Theorie und Forschungsergebnisse. Opladen. S. 167-192.

Harth, A., Herlyn, U. & G. Scheller (1998): Segregation in ostdeutschen Städten. Opladen.

Lambert, C. & M. Boddy 2002: Transforming the City: Post-Recession Gentrification and Re-Urbanisation. CNR-Paper 6, S. 1-26.

Weiske, C. 1996: Gentrification und Incumbent Upgrading in Erfurt. In: Friedrichs, J. & R. Kecskes (Hrsg.): Gentrification. Theorie und Forschungsergebnisse. Opladen. S. 193-226

Wiest, K. (1997): Die Neubewertung Leipziger Altbauquartiere und Veränderungen des Wohnmilieus. Gesellschaftliche Modernisierung und sozialräumliche Ungleichheiten (= Beiträge zur regionalen Geographie H.43). Leipzig.

Kontakt:

Dr. Karin Wiest, K_wiest@ifl-leipzig.de, Tel.: 089-775205; Dipl. Ing. André Hill, A_Hill@ifl-leipzig.de, Tel. : 0341-2556568

Leibniz-Institut für Länderkunde, Schongauerstr. 9, 04329 Leipzig

http://www.ifl-leipzig.com/index.php?id=66, http://www.shrinkingcities.com/arbeitspapiere0.0.html

Bisherige Veröffentlichungen zum Projekt

Hill, A. & K. Wiest (2004a): Segregation und Gentrification in der schrumpfenden Stadt? Eine Längsschnittstudie in Leipziger Altbaugebieten. In: Oswald, Ph. (Hrsg.): Working papers des Projektes schrumpfende Stadt, Bd. IV. Halle Leipzig. S. 88-100.

Hill, A. & K. Wiest (2004b): Gentrification in ostdeutschen Cityrandgebieten? Theoretische Überlegungen zum empirischen Forschungsstand. In: Berichte zur deutschen Landeskunde H. 1/2004 (im Druck).

Hill, A. & K. Wiest (2003): Sanfte Gentrifizierung, Studentifizierung oder Durchgangsstation? Aktuelle sozialräumliche Entwicklungen in ostdeutschen Innenstadtrandgebieten (unveröff. Manuskript).

Wiest, K. (1997): Die Neubewertung Leipziger Altbauquartiere und Veränderungen des Wohnmilieus. Gesellschaftliche Modernisierung und sozialräumliche Ungleichheiten (= Beiträge zur regionalen Geographie H.43). Leipzig.

Wiest, K. (2003): Die Versorgung mit sozialen Infrastrukturen unter Schrumpfungsbedingungen – Entwicklungen in den neuen Ländern seit der Wiedervereinigung. In: Eckhart, K. & K. Scherf (Hrsg.): Deutschland auf dem Weg zur inneren Einheit (=Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung). Bd. 95, Berlin (im Druck). S. 271-289.

Wiest, Karin (2001): Leipzig zwischen Segregation und Integration. In: Geographische Rundschau H.3, S.10-16

Wiest, K. (2001): Die Stabilität von Wohngebieten in schrumpfenden Städten Sachsens. Eine Analyse charakteristischer Problemkonstellationen. In: Europa Regional. 9.Jg./H4, S.192-203.

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Erstelldatum: 03. Mai 2004
Autor: Wiest, Hill