| Mit
weniger auskommen - aus der Vergangenheit lernen?
Seit Mitte der siebziger Jahre wurde in der Bundesrepublik-West
darüber gesprochen, dass die Zeiten des quantitativen Wachstums zu
Ende gehen: weniger Einwohner, weniger Wirtschaftswachstum, das Ende
der Verteilung von Zuwächsen. Die wenigen Einsichtigen forderten den
Übergang zu einem qualitativen Wachstum, womit eigentlich
ein Wandel ohne Wachstum gemeint war. Die vielen Uneinsichtigen
begannen einen harten Verteilungsstreit. Schon 1971 forderte der damalige Oberbürgermeister
von München, Hans-Jochen Vogel, in seiner Eigenschaft als Präsident
des Deutschen Städtetags: Rettet die Städte jetzt! Damit
forderte er eine staatliche Politik zugunsten der großen Städte ein,
während bis dahin Landesplanung und Regionalplanung auf die Förderung
der ländlichen Regionen eingestellt war. In Hamburg regierte ein 1.
Bürgermeister namens Klose, der unverblümt eine Konzentration der
schwachen Wachstumskräfte auf wenige große Städte verlangte. In der
Regionalen Wirtschaftsförderung wurde darüber gestritten,
ob es weiterhin Sinn macht, mit Investitionsprämien Unternehmen in
die ländlichen Regionen zu locken. Selbst in dem wachstumsstarken
Land Bayern mit relativ hohen Geburtenraten fragte die Bildzeitung
besorgt: Sterben die Bayern jetzt aus? Denn die statistischen Daten waren ziemlich eindeutig:
Geburtenraten nehmen im langfristigen Trend ab, die Sterberaten steigen.
Die Zeit der hohen Aus- und Zuwanderungen ist vorbei. Die Jahre der
wirtschaftlichen Rezession werden durch Boomjahre nicht mehr kompensiert.
Öffentliche Ausgaben zur Förderung von Beschäftigung haben kaum Beschäftigungseffekte,
aber auf jeden Fall eine Erhöhung der Verschuldung zur Folge. Aber kaum jemand wollte den veränderten demografischen
und wirtschaftlichen Realitäten nüchtern begegnen. Selbst die zur
Sachlichkeit verpflichtete Statistik samt dem Heer der Prognostiker
versuchte immer wieder auf gut Wetter zu machen, um am
Ende einer Periode eingestehen zu müssen, dass die Dinge sich schlechter
entwickelt haben. Geschönte demografische und wirtschaftliche Prognosen
bis hin zu vollmundigen Versprechungen, die Arbeitslosigkeit in eine
Vollbeschäftigung zu transformieren oder zumindest zu halbieren, sind
seitdem an der Tagesordnung. Da wurden unrealistische Hoffnungen auf die Kompensation
des inländischen demografischen Defizits durch Außenzuwanderung
gesetzt, verleugnend, dass dafür die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen
nicht existieren und auch die Wirtschaft allenfalls Bedarf an Spezialisten
hat. Da versuchten die zuerst vom Bevölkerungsschwund
betroffenen Kernstädte die Wirtschaftskraft und die Bevölkerung in
ihren Mauern zu halten in einem aussichtslosen Kampf gegen das Wachstum
im Umland. Da wurden intervenierende Variable bemüht, um trotz
abnehmender Bevölkerung einen steigenden Wohnungsbedarf zu rechtfertigen:
die Verkleinerung der Haushalte, die Vergrößerung der Wohnfläche,
die Steigerung der Eigentumsquote. Dass dafür ein ständiges Wachstum
der Einkommen Voraussetzung ist, wurde nicht hinzu gesagt. Vor allem aber behauptete jede Region bis zuletzt:
Einwohnerrückgang bei uns nicht. Diese Position blieb selbst
dann erhalten, wenn die Fakten schon eingetreten waren. Dann eben
machen wir eine Politik, die den Trend ändert! Mit besonderer Vorliebe
wurden die schwächelnden Wachstumssegmente mehrfach verteilt. Innerhalb
einer Region durfte jede Gemeinde/Stadt so viel Siedlungsflächen planen
und entwickeln, als könnte sie das regionale Gesamtwachstum von Bevölkerung
und betrieblichem Flächenbedarf fast allein auf sich vereinen. Die
Regionalplanung, dazu da, den Deckel draufzuhalten und
die unrealistischen Wachstumsträume hinter einzelnen Kommunen zu begrenzen,
versagte auf der ganzen Linie. Auf der nächst höheren Stufe
in der Konkurrenz unter den Regionen wurde so viel Entwicklung
reklamiert, als ob der Gesamtstaat in Zeiten einer demografischen
Explosion und in totaler wirtschaftlicher Prosperität sich befände. Lange Zeit ist es gelungen, die öffentliche Wahrnehmung
zu täuschen und die Vorboten des Schrumpfens mit dem Versagen
der Regionen zu stigmatisieren: Allen voran das Ruhrgebiet,
aber auch andere industrialisierte Gebiete in Nordosten von Bayern.
Das seien Sondererscheinungen, die mit alten Industriesektoren wie
Kohle, Stahl, Textil oder Keramik zu tun hätten und mit lokalem Politikversagen. Das Scheinwachstum in den ersten Jahren
nach der Wende brachte erneut eine mentale Entlastung, den Realitäten
zu entfliehen. Im Westen hieß es: Hurra, wir wachsen wieder.
Dem Osten wurden blühende Landschaften versprochen. Das
go west war eine vorübergehende oder zumindest abklingende
Erscheinung. Das go east war eine Verheißung, die abseits
der wirtschaftlichen Realitäten liegt: Berlin als Metropole Osteuropas;
die Grenzregionen zum Osten wandern von der Randlage in die regionalökonomische
Mitte. Trotz der seit langem nicht mehr zu übersehenden
Daten ist es offenbar fast aussichtslos, den Menschen die zugehörige
Einsicht zu vermitteln und der Politik einen Paradigmenwechsel. Die
Koalition des weiter wie bisher ist übermächtig. Also
wird weiter gebaut, obwohl in immer mehr Regionen von fast allem zu
viel schon da ist, es sei denn, dieses scheitert an der Finanzierungsschranke. Beispiel Ruhrgebiet: In keiner Region gibt es so
viele Autobahnen und Stadtstraßen, so viele ÖPNV-Linien und so viel
kostenlose Parkplätze und in keiner Region ist der Modal Split im
Umweltverbund so schlecht wie in dieser Region mit dem Ergebnis, dass
die öffentlichen Haushalte durch ein Riesendefizit im ÖPNV belastet
werden. Aber noch immer wird der weitere Ausbau der Autobahnen als
zentrale Strategie der Wirtschaftsförderung verkündet. Allen Ernstes
propagiert Herr Clement, damals noch Ministerpräsident des Landes,
die Magnetschwebebahn in Gestalt einer Straßenbahn als Zukunftslokomotive,
bis diese durch die hoffnungslose Unwirtschaftlichkeit zurückgepfiffen
wurde. Noch immer werden in fast allen Regionen Gewerbegebiete
ausgewiesen, obwohl dadurch kein einziger Ansiedlungsfall mehr entsteht
und immer mehr Flächen leer stehen und die Mittel für die Erschließung
zum toten Kapital werden. In den großen Städten grassiert zurzeit
der Büro-Hochhaus-Boom der global vagabundierenden Finanzströme, obwohl
die Unvermietbarkeit offenkundig ist und die Leerstände dramatisch
anwachsen. Die Beispiele für eine Politik des herkömmlichen
weiter so könnten noch lange vermehrt werden. Ein alternatives
Politikmodell ist nicht in Sicht, obwohl gerade der Westen lange Zeit
gehabt hätte, ein solches zu entwickeln. Noch funktioniert das Prinzip der öffentlichen
Abschlachtprämien, um Kapazitäten, die am Markt vorbei entstanden
sind, zumeist mit öffentlicher Förderung, nun mit öffentlicher Förderung
auch wieder abzubauen. Aus den tot-subventionierten Agrarmärkten ist
das Prinzip seit langem bekannt, daher auch der Name. Bei Werften
und in der Binnenschifffahrt wurde mit öffentlichen Subventionen Kapazität
stillgelegt. Kohle und Stahl, vor allem aber die Kohle, erhalten
seit Jahrzehnten eine immer wieder aktivierte Sterbehilfe, die gerade
jüngst wieder bis über das Jahr 2010 hinaus verlängert wurde. Nun sind auch die Wohnungsmärkte an der Reihe. Nichts
anderes ist das Stadtumbauprogramm Ost als eine Abschlachtprämie für
Überkapazitäten. Da kann noch so viel Städtebau und Strukturwandel
herumgerankt werden. Wer heute sagt, es würde demnächst auch Abschlachtprämien
für Bürohochhäuser geben, der wird wohl wegen ungehörigen und unsachgemäßen
Äußerungen gescholten. Aber am Ende sind es immer die öffentlichen Hände,
die die Reste der nicht marktkonformen Entwicklungen aufarbeiten müssen.
Schon drücken und bedrücken Überkapazitäten in der Infrastruktur -
zuerst in der sozialen - die Finanzsituation in den Städten. Man sagt
dazu, dass diese Kapazitäten von eben diesen Städten, großenteils
auch mit öffentlicher Förderung, angehäuft wurden. So führt die Politik des weiter so in
einen Teufelskreis. Private und öffentliche Hände investieren und
finanzieren gleichermaßen in den Bereichen, die in wirtschaftlicher
Perspektive nicht nachhaltig sind. Was da vorgedacht wird an Strategien,
muss alsbald zurückgedacht werden. Was auf der Grundlage dieser Strategien
vorgebaut wird, wird sich alsbald als Rückbaufall darstellen. Vorbau
und Rückbau strapazieren private und öffentliche Finanzwirtschaft
gleichermaßen. Noch nie hat vermutlich eine Gesellschaft mit so
viel Aufwand so wenig Wohlstand fabriziert. Der längste fällige Paradigmenwechsel
heißt Wandel ohne Wachstum und Konstruktionsprinzipien
nach den Regeln der Kreislaufwirtschaft. Diese Prinzipien sind theoretisch
längst vorgedacht. Unter welchen Bedingungen sie die Praxis von Staat
und Unternehmen erobern könnten, dazu Gedanken beim nächsten Mal. Diskussionsbedarf?
haben Sie eine andere Meinung? -->
Leserbrief schreiben Prof. Dr.
Dr. h.c. Karl Ganser war von 1989 bis 1999 Geschäftsführer der
Internationalen Bauausstellung, IBA Emscher Park. Davor (1980 bis
1989) war er Abteilungsleiter für Städtebau im Ministerium für Stadtentwicklung,
Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen und von 1971 bis
1980 Leiter der BfLR in Bonn. |
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| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 03. Mai 2004 Autor: Karl Ganser |