Die Utopie einer guten Stadt? Kritisches Plädoyer für eine Neuformulierung des planerischen Berufsbildes

Stadtplanerische Überzeugungen und menschliche Lebenswelten

„Die Sache hat uns in der Hand. Man fährt Tag und Nacht in ihr und tut auch noch alles andre darin; man rasiert sich, man isst, man liebt, man liest Bücher, man übt seinen Beruf als, als ob die vier Wände stillstünden, und das Unheimliche ist bloß, daß die Wände fahren, ohne daß man es merkt, und ihre Schienen vorauswerfen, wie lange, tastend gekrümmte Fäden, ohne daß man weiß wohin. Und überdies will man ja womöglich selbst zu den Kräften gehören, die den Zug der Zeit bestimmen. Das ist eine sehr unklare Rolle, und es kommt vor, wenn man nach längerer Pause hinaussieht, daß sich die Landschaft geändert hat; was da vorbeifliegt, fliegt vorbei, weil es nicht anders sein kann, und bei aller Ergebenheit gewinnt ein unangenehmes Gefühl immer mehr Gewalt, als ob man über das Ziel hinausgefahren oder auf eine falsche Strecke geraten wäre. Und eines Tages ist das stürmische Bedürfnis da: Aussteigen! Abspringen! Ein Heimweh nach Aufgehaltenwerden, Nichtsichentwickeln, Steckenbleiben, Zurückkehren zu einem Punkt, der vor der falschen Abzweigung liegt.“ [Musil 2002: 32]

Welche Überzeugung leitet uns als Stadtplaner, wenn wir die aktuellen gesellschaftspolitischen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf das Feld, das unsere Wirkungsweise darstellt, betrachten? Übe ich als Stadtplaner unabhängig von Musils Zuggeschwindigkeit und Richtung den erlernten Beruf weiter aus? Oder bestärkt die Stadtplanung mit ihren Handlungsweisen genau die Mechanismen, die auf die Geschwindigkeit des Zuges einwirken und wirft ihn damit womöglich aus den Gleisen? Will sie „NEIN“ sagen und die Notbremse ziehen, oder wird es eher ein „ABER“, indem sie das Fenster öffnet und frischen Wind in das Abteil lässt? Kann sie das noch? Ist die Stadtplanung die antreibende Kraft oder ist sie die Getriebene? Hat sie „Heimweh“ nach einem Zustand und einem Bild, die fast nur noch in der Erinnerung existieren oder erwartet sie freudig ein neues Zeitalter? Die Stadt ist Abbild der Gesellschaft, Stein gewordenes Gesellschaftsverständnis. Die Gesellschaft löst sich auf, die Stadt auch. Bedingt das eine das andere? Der Zug wird schneller, die Stadtplanung fragender.

Was leitet uns als jemand, der den beruflichen Anspruch hat, menschliche Lebenswelten nach bestimmten (planerischen) Prinzipien und Raumideen zu gestalten? Was kann uns eigentlich noch leiten, wenn genau diese Lebenswelten sich gegenläufig zu unseren Planungsabsichten entwickeln? Die Stadt ist nicht länger Ort, der den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird. Paradigmenwechsel, individualisierte Lebensentscheidungen oder der Bedeutungsverlust von Raum zugunsten von Zeit machen die Institution Stadt zu einem inhaltlichen und räumlichen Fragment, dem die planerische Fachwelt mit Wortneuschöpfungen wie Zwischenstadt [Thomas Sieverts], regionale Stadtlandschaft, städtische Landschaftsregion oder landschaftliche Regionalstadt zu begegnen versucht und mit der semantischen Beliebigkeit doch nur beweist, dass ihr nur noch das Reagieren bleibt.

Transformationen, Identität und Möglichkeitsräume

Neben diesem Reagieren der Stadtplanung auf die Transformationsprozesse und der Entwicklung von Konzepten und Strategien für einen planerischen Umgang wird jedoch immer deutlicher, dass die Tiefe und Radikalität der strukturellen Veränderungsprozesse von der Stadtplanung auch den Einbezug der „anderen Seite“ verlangt, dass es nicht allein um Konzepte für eine Stadt und ihre Bewohner gehen kann sondern auch um eine Strategieentwicklung mit den Bewohnern gehen muss. Schrumpfung (wirtschaftlich und demographisch), Überalterung und Einwanderung sind die entscheidenden Themen, die städtische Entwicklungsprozesse bereits bestimmen bzw. zukünftig bestimmen werden. Auch wenn es dabei weiterhin regional unterschiedliche Entwicklungspfade geben wird, zwischen Stadtumbau West und Stadtumbau Ost unterschieden werden muss und eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen unterschiedliche Handlungskonzepte bedeutet, begreifen sich diese Entwicklungen als strukturelle gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse. Die Auswirkungen auf das Aussehen der Stadt und die Handlungsweisen der Stadtplanung sind dabei nur eine Folge von vielen.

Abb. 1: Konträre Fallbeispiele: Dietzenbach und Eisenhüttenstadt

Die Aufgabe, aber auch die Chance für die Stadtplanung besteht darin, die Menschen in diesen Transformationsprozessen mitzunehmen und einzubeziehen sowie das eigene Berufsverständnis weiterzuentwickeln. Gerade die Entwicklungen in den ostdeutschen Städten, die teilweise eher als wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und gesellschaftlicher Bruch denn als Umbruch bezeichnet werden dürften, verdeutlichen, dass die Stadtplanung mit neuen Methoden den (verbliebenen) Stadtbewohnern aufzeigen sollte, dass Schrumpfen, Altern und Abriss kein Scheitern sondern auch eine Chance bedeuten können, dass das sich Einrichten nicht nur Notwendigkeiten sondern auch Möglichkeiten offenbart. Der Stadtplaner wird dabei zunehmend auch zum Umzugsmanager, zum Moderator oder Identitätsstifter. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, dass der Stadtplanung ein Spagat zu gelingen hat, der zwischen einer eigenen fachlichen Konzeptentwicklung als Reaktion auf die Veränderungsprozesse und einer fast gleichzeitigen Vermittlung dieser Entwicklungen gegenüber den Stadtakteuren und Stadtbewohnern liegt. Gefordert sind Planungssicherheit für Unternehmen und Bewohner eines abrissrelevanten Stadtteils und gleichzeitige Formulierung von Handlungsstrategien auf der Basis von demographischen und wirtschaftlichen Daten, deren Entwicklungen die Prognosen teilweise schon eingeholt haben.

In diesem Spannungsverhältnis offenbart sich, dass das Thema Identität eine wichtige Rolle spielt, um einerseits Auswirkungen der Transformationsprozesse auffangen zu können und andererseits neue, sinnstiftende Bedeutungen zu implementieren. Denn was bedeutet noch ‚Stadt’ - bei aller entwicklungsbedingten, räumlichen Fragmentierung, die uns ebenfalls darüber diskutieren lässt, ob ‚Stadt’ noch das richtige Wort ist - wenn ihre Bewohner das Zukunftsbild fürchten, wenn die absehbare Rentnerstadt als Sackgasse, die multikulturelle Stadt als Entfremdung empfunden wird?

Die Übertragung von Identität als menschlichen Auseinandersetzungsprozess auf eine räumliche Situation ist immer metaphorisch und gelingt zum Beispiel mit dem Begriff ‚Möglichkeitsräume' [Siebel 2002: 39] als metaphorische Verortung von Identität. Das städtische Potential dieses Begriffes liegt dabei in seiner Uneindeutigkeit und Interpretierbarkeit. Möglichkeitsräume sind Stadträume, die eine Entscheidungsoffenheit und funktionale Unbesetztheit vermitteln. Sie tragen das Moment von Freiheit in sich. Musils Möglichkeitssinn, "die Fähigkeit, alles was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist" [Musil 2002: 16] könnte produktiv und kreativ als Gestaltung der städtischen Wirklichkeit genutzt werden. Die Transformationsprozesse schrumpfender Städte bedingen eine grundsätzlich neue Denk- und Wahrnehmungsweise von Stadt und Raum, aber auch von stadtplanerischen Handlungsweisen. Sie eröffnen damit die Chance, Unübliches und Experimentierfreudiges eher zuzulassen. Konkrete Rückbauflächen könnten dabei genau jene Möglichkeitsräume sein, in denen Wunschbilder der Stadtbewohner nicht nur möglich sondern auch wirklich werden.

Die Suche in Dietzenbach und Eisenhüttenstadt

Die konzeptionell theoretische Diplomarbeit „Die Utopie einer guten Stadt? Eine Suche in Dietzenbach und Eisenhüttenstadt“ stellt die These auf, dass die Stadtplanung sich dem Thema Identität mehr zuwenden muss, will sie die Menschen an die Stadt binden. Die Stadt ist zum einen nicht länger ein Ort, der den Bedürfnissen und Wunschbildern der Menschen gerecht wird. Zum anderen wird die schrumpfende Stadt zunehmend zu einem Ort, den die Menschen aufgrund der „mentalen Verinnerlichung der Krise“ [Wolfgang Kil] mit einer auswegslosen Situation und einer Sackgasse verbinden. Die Stadtplanung muss sich deshalb neue Methoden aneignen, um die Wünsche und Bedürfnisse der Stadtbewohner zu eruieren. Im Hinblick auf die städtischen Transformationsprozesse, die die Stadtplanung auf neue Weise herausfordern, geht es dabei um eine Qualifizierungsstrategie, bei der die Stadtplanung auch Handlungsfelder an die Stadtbewohner abgibt, denn Mitgestaltung und Aneignungsmöglichkeit können einen Bindungsprozess und damit eine mögliche Identifikation mit Orten in der Stadt ermöglichen.

Am Beispiel der prosperierenden Stadt Dietzenbach in Hessen und der schrumpfenden Stadt Eisenhüttenstadt in Brandenburg wurden mit qualitativen Interviews die Wunschbilder und Sichtweisen der Stadtbewohner auf ihre Stadt herausgefunden und mit den Analysen der Stadtplanung gemeinsam zur Grundlage eines Konzeptes gemacht. Die Erzählungen der Dietzenbacher und Eisenhüttenstädter bestätigen dabei auf ganz unterschiedliche Weise, dass das Thema Identität die Menschen beschäftigt, wenn es zum einen darum geht, über eine rationale Wohnortentscheidung hinaus Gestaltungsmöglichkeiten in einer Stadt besitzen zu können und zum anderen deutlich wird, dass das Thema Identität in schrumpfenden Städten eine zentrale Rolle bei Umgang und Reflexion mit den Transformationsprozessen spielt. Ergebnis sind zwei Handlungsstrategien, die sich aus dem Zusammendenken der beiden Sichtweisen und Wahrnehmungsebenen, Stadtbewohner und Stadtplaner, konstituieren und für das planerische Berufsbild eine andere Arbeitsweise und einen neuen Blickwinkel bedeuten können.

Emotionale Stadtplanung

Der emotionale Stadtgrundriss Dietzenbachs und das emotionale Zukunftsbild ‚Sackgasse Rentnerstadt' in Eisenhüttenstadt stehen beispielhaft für die unsichtbaren Stadtschichten, die sich nicht mit den gängigen analytischen Planungsinstrumenten sondern durch die Erzählungen der Menschen offenbaren. Die Emotionalität dieser unsichtbaren Stadt wirkt sich auch wieder auf die gebaute Stadt aus. Diese kann Angebote in Form von Möglichkeitsräumen machen, um der unsichtbaren Stadt eine Verwirklichungsplattform zu geben. Der emotionale Stadtgrundriss Dietzenbachs braucht Raumbilder, die seine Grenzen überbrücken; der Zukunftsangst der Eisenhüttenstädter muss mit städtischen Räumen begegnet werden, die der destruktiven Zukunftserwartung ein positives Gegenbild anbieten.

Abb.2: Emotionales Stadtgefüge in Dietzenbach versus Auflösungstendenzen in Eisenhüttenstadt

Die Stadtplanung braucht das Narrative, die Innensicht, will sie die Menschen in den Transformationsprozessen auch emotional mitnehmen. Die Einbindung der Reaktionen und Reflexionen, der Ängste aber auch Vorstellungsbilder, das Zulassen von Kreativität seitens der Bewohner, die Beteiligung an Stadtgestaltung stellt eine mögliche Antwort auf den Paradigmenwechsel in der Stadtplanung dar. Dabei geht es weniger darum, stadtplanerische Entscheidungsprozesse partizipativen Forderungen unterzuordnen oder alle ‚Bürgermeinungen' berücksichtigen zu wollen. Es geht um emotionale Bindungen, die gestärkt und zugelassen werden müssen, die letztendlich auch die Stadtplanung "emotional" machen.

Identität als Strategie der Stadtplanung, also die Erfragung der Wunschbilder und Lebenshorizonte der Menschen, und die mit der Identität verbundene Schaffung von Möglichkeitsräumen als metaphorische Verortung der Identität, bewirken sowohl in prosperierenden Städten wie Dietzenbach als auch in schrumpfenden Städten wie Eisenhüttenstadt neuen Wahrnehmungsweisen, die zu einer kreativen Umsetzung führen können. Dies bedeutet für alle Beteiligten, sich auf ein Experiment einzulassen, dessen Ergebnis sich erst in einem Prozess, in der Auseinandersetzung unterschiedlicher Vorstellungsbilder ergibt. Das Wagnis, dieses Experiment einzugehen, verändert das Verständnis von Stadt sowohl für die Stadtplaner als auch für die Stadtbewohner, doch mit dieser Veränderung wird die nötige Phantasie freigesetzt, die die ‚gute' Stadt nicht bei etwas Utopischem, Unerreichbarem belässt.

Der Beitrag basiert auf der Diplomarbeit, die die Autorin im Wintersemester 2002/2003 an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus geschrieben hat. Kurzfassung als pdf-download.

Literatur

Hahn, Achim und Michael Steinbusch. Biografisch-räumliche Wanderung und das „gute“ Leben. In RaumPlanung 91: 191-196.

Kil, Wolfgang 3.12.2002. Podiumsdiskussion an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus im Rahmen der Ringvorlesung des Instituts für Städtebau und Landschaftsplanung zum Thema "Stadt in neuen Grenzen".

Musil, Robert 2002. Der Mann ohne Eigenschaften. Rowohlt, Hamburg.

Siebel, Walter 2002. Urbanität ohne Raum. Der Möglichkeitsraum. In Kornhardt, D., G. Pütz und T. Schröder (Hrsg.) Stadt schafft Landschaft. Mögliche Räume. Junius-Verlag, Hamburg.

Sieverts, Thomas 1999. Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. Vieweg, Braunschweig/ Wiesbaden.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 15.08.2003
Autor: Dipl.-Ing. Anne Pfeifer, Stadt- und Regionalplanung