Sind schrumpfende Städte gleichbedeutend mit einer schrumpfenden Wirtschaft? Der Fall Ostdeutschland.

Ausgehend von der häufig vertretenen These, dass von der Einwohnerzahl her schrumpfende Städte auch unter einer schrumpfenden Wirtschaft zu leiden hätten, wird zunächst überprüft, welche Aussagen aus der Theorie einen solchen Zusammenhang untermauern oder eher in Frage stellen. Komplizierend wirkt, dass prominente Indikatoren des Wirtschaftswachstums selbst nicht unabhängig von der Einwohner- und Beschäftigtenveränderungen sind. Im empirischen Teil wird für die Phasen 1994-96 und 1998-2000 überprüft, wie sich der Zusammenhang von demographischer und ökonomischer für die ostdeutschen kreisfreien Städte darstellt. Die Analyse ergibt folgende Befunde:

1. Im Zeitraum 1994-96 weisen die ostdeutschen Städte trotz abnehmender Einwohnerzahlen mehrheitlich noch überdurchschnittliche Wachstumsraten auf. Dieses Wachstum geht bei der Mehrheit der Städte mit einer Verringerung der Zahl der Erwerbstätigen einher. Dieses Muster entspricht der Konstellation des „jobless growth“, wobei gerade bei jenen Städten mit am stärksten sinkenden Einwohner- und Erwerbstätigenzahlen Effekte eines z.T. statistisch bedingten Wachstums nicht auszuschließen sind.

2. Für den Zeitraum 1998-2000 ist zu beobachten, dass sich bei anhaltenden Einwohnerverlusten die Wachstumsdynamik in den betrachteten Städten insgesamt verringert hat. Überdurchschnittliche Produktivitätszuwächse verzeichnen nur noch wenige Städte. Gleichzeitig wird ein Trend zu differenzierten Entwicklungspfaden erkennbar: Die Zahl jener Städte nimmt zu, die wieder mehr Beschäftigung aufbauen. Eine Parallelität von demographischer und ökonomischer Schrumpfung ist der Ausnahmefall.

Abb.: Ökonomische und demographische Wachstums- bzw. Schrumpfungskonstellationen in einer Region

In einem zweiten Schritt wird die Betrachtung ausgeweitet von den Städten auf Stadtregionen, um zu berücksichtigen, dass nach 1990 vor allem die Umlandkreise größerer Städte die Vorreiter an wirtschaftlicher Dynamik waren. Auch auf stadtregionaler Ebene zeigt sich, dass im zweiten untersuchten Zeitraum ein stärker differenziertes Bild zu Tage tritt.

Die im Titel des Papiers gestellte Frage, ob schrumpfende Städte gleichbedeutend mit einer schrumpfenden Wirtschaft seien, lässt sich auf der Grundlage der vorgestellten Ergebnisse für den Zeitraum 1994-96 mit einem „nein, fast nicht“ und für den Zeitraum 1998-2000 mit einem „zutreffend für eine etwas größere, aber nicht die Mehrheit bildende Zahl von Städten“ beantworten. Insgesamt gesehen lassen sich Anzeichen dafür erkennen, dass die ostdeutschen Städte nach einer Phase relativ einheitlicher Entwicklung im zweiten betrachteten Zeitraum sich zunehmend auf unterschiedliche Entwicklungspfade begeben haben.

Die vorgestellten Ergebnisse zeigen auch, dass sich Erwartungen, die großen ostdeutschen Städte würden im wirtschaftlichen Aufholprozess die Funktion von Wachstumspolen übernehmen, auch zehn Jahre nach der Vereinigung nicht erfüllt haben. Weitet man den Blick auf die Städte auf die Stadtregionen aus, so ist bei diesen eine solche Wachstumspolfunktion schon eher zu erkennen, vor allem was den Aufbau von zusätzlicher Beschäftigung betrifft. Hier ist allerdings zu beachten, dass hohe prozentuale Zuwächse im Stadtumland vielfach aufgrund einer sehr niedrigen Ausgangsbasis zustande kommen.

Der Beitrag basiert auf dem gleichnamigen IWH Diskussionspapier Nr. 175, das hier zum Download zur Verfügung steht.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 31.07.2003
Autor: Peter Franz, Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)