Superumbau - die verkunstete Platte

Das Bild der Zukunft erscheint im Gegensatz zur Utopie als Perspektive. Aber die Perspektive ist auch eine Funktion der Einstellung.
Lothar Kühne in »Haus und Landschaft«

Stadtdiskurse konzentrieren sich auf einen neuen globalen Trend: Städte schrumpfen und verschwinden. Während sich in Asien und Südamerika Megastädte bilden, drohen Stadtlandschaften in den alten Industrieregionen Nordamerikas und Europas dramatisch zu entvölkern. Schrumpfende Städte sind Vorboten eines grundlegenden urbanen Wandels. In Detroit wurden seit den 60er Jahren fast 200.000 Häuser zerstört (vgl. hierzu den Artikel von Manfred Kühn in Ausgabe 12/2002). In Liverpool und Paris stehen Wohnungen massenhaft leer.

Hierzulande trifft es besonders die neuen Bundesländer, die vor dem Hintergrund des gesellschaftspolitischen Wertewandels mit einem alarmierenden  Rückbau ihrer Städte konfrontiert sind. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerungszahl im Osten Deutschlands halbiert haben. Der einstigen sozialistischen Modellstadt Hoyerswerda prognostiziert man für die nächsten 15 Jahre weniger als die Hälfte der Einwohnerzahl von 1990. In der vermeintlichen Stadt der Zukunft verschwindet die Arbeit und mit der Arbeit die Zukunft, mit der Zukunft verschwindet die Stadt.

Die Entwicklungen in den de-industrialisierten Städten werden im Initiativprojekt »schrumpfende Städte« der Kulturstiftung des Bundes als Transformationsprozesse in eine globalisierte Dienstleistungsgesellschaft beschrieben, in der die sozialen Umbauprozesse auch die gesellschaftlichen Raumkonzepte und deren Bewertungssysteme verändern.

So wie städtische Topographien von den Landkarten verschwinden, lösen sich gesellschaftliche Verbindlichkeiten und Maßstäbe auf - mit der Folge, dass sie die bisher geltenden Stadtplanungsansätze der Moderne degradieren. Im Stadtexperiment Hoyerswerda lassen sich diese Prozesse exemplarisch beobachten.

Als »zweite sozialistische Planstadt Deutschlands« schien Hoyerswerda beispielhaft die Industrialisierungs- und Rationalisierungsversprechen der Moderne zu verwirklichen - vielfach dokumentiert in Literatur, Theater und Film. Nach dem Ende der DDR sorgten die rechtsradikalen Ausschreitungen von 1991 und schließlich die sichtbaren Folgen des Bevölkerungsschwundes für eine fortwährende negative Codierung des vor allem architektonisch markierten Symbolwertes von Hoyerswerdas Neuststadt.

Das Projekt superumbau in Hoyerswerda setzt sich unter erweitertem kulturgeschichtlichen Blickwinkel mit der Schrumpfung von Städten auseinander und macht ihn zum Gegenstand eines künstlerischen Kommentars. superumbau steht für die Krise der Neustadt und für den gegenwärtigen Funktionsverlust des modernen Bauens in nachindustriellen Gesellschaften. Das Zentrum des Projekts bildet die Demontage eines Plattenbaus als exemplarischer Vorgang für den städtischen Rückbau.

Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, Theater- und Filmemacher recherchieren das architektur- und kulturgeschichtliche Potential der Stadt in ihren sozialökonomischen und politischen Verstrebungen. In Interviews, Filmen, Gesprächen und Aktionen dokumentieren sie gemeinsam mit den Einwohner/innen die Situation der Stadt, ihre Geschichte sowie ihre perspektivischen Vorstellungen.

Vom 15. August bis zum 27. September soll im VIII. Wohnkomplex der Neustadt von Hoyerswerda ein Gebäudeensemble und dessen Abriss zu einem Modellfall für den Umgang mit der Auflösung von Städten werden. 

Ein Kunstprojekt

zur Erforschung urbanen Lebens in schrumpfenden Städten - zur symbolischen Dimension des Plattenbaus - zu Möglichkeiten sozialer Orientierung durch experimentelles Handeln - im Angesicht von Stadtumbau Ost in Hoyerswerda, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die Stiftung lebendige Stadt, die Wohnungsbaugesellschaft mbH Hoyerswerda und die Kulturfabrik Hoyerswerda.

15. August bis 27. September 2003, Eröffnung am 15. August 2003, 20 Uhr
ehemalige Kita Buchwalder Straße 35
Wohnblock P2 Merzdorfer Straße 14 - 18
WKVIII Hoyerswerda Neustadt

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Eingeladene Künstlerinnen und Künstler

Bibiana Beglau ï Martin Rottenkolber ï Antje Hahnebeck ï Laura Bruce ï FM Einheit / Caspar Brötzmann ï Finger mit Martin Brandt, Florian Haas, Claudia Hummel, Andreas Wolf ï Holger Herschel ï Dirk Lienig ï Angela Lubic ï Marke 3000 ï Angelika Middendorf ï Andrea Moses / Jan Pappelbaum ï Armin Petras ï Andreas Schimanski ï Christoph Schlingensief ï Stadt im Regal mit Tina Born, Antje Dorn, Ursula Döbereiner, Kerstin Drechsel, Friederike Feldmann, Heike Klussmann, Valeska Peschke, Birgit Schlieps, Katharina Schmidt, Michaela Schweiger, Markus Strieder, Daniela von Waberer ï Hugo Velarde ï CONCERT mit Andreas Wegner / Peter Wächtler ï Penelope Wehrli ï Luc Wolff

Projektleitung Dorit Baumeister für Spirit of Zuse e.V.

Kuratoren Ute Tischler und Harald Müller

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 31.07.2003
Autor: Redaktion und Spirit of Zuse e.V.