Stadtumbau und Spaß dabei!

Plädoyer für eine Kultivierung von Schrumpfungsprozessen

Die meisten ostdeutschen Städte erleben zur Zeit einen einzigartigen Transformationsprozeß. Diese Tatsache scheint allen Beteiligten furchtbar peinlich zu sein.

Die Folgen der dauerhaften demographischen Schrumpfung der ostdeutschen Städte waren jahrelang ein Tabuthema. Sie konnten aus politischen Gründen nicht ernsthaft diskutiert werden, da sich v.a. Bundes-, aber auch Landes- und Kommunalpolitiker nicht von der Wachstumsvision der „blühenden Landschaften“  verabschieden wollten. Erst seit dem bevorstehenden Bankrott großer kommunaler Wohnungsbauunternehmen und den offensichtlichen Folgen eines dauerhaften Leerstandes in Wohngebieten wie in den Stadtzentren wurde das Problem formuliert und auch sogleich in Angriff genommen. Im Rahmen des von der rot-grünen Bundesregierung initiierten Stadtumbau-Programmes wird nun auch die Anpassung der räumlichen Hülle an eine geschrumpfte Stadtgesellschaft – im Klartext also: Rückbau, noch klarer: Abrisse leerstehender Gebäude - thematisiert. Dieser Prozeß ist jedoch oft von widersprüchlichen Strategien geprägt. Auf der einen Seite gibt es zögerliche Kommunalpolitiker, die die doch unumgänglich scheinenden detaillierten Abrißlisten vor ihren Wählern so lange wie möglich geheim halten möchten und am liebsten überhaupt keine Gebäude in privatem Eigentum auf die „schwarze Liste“ setzen möchten, auf der andere Seite droht durch den Druck der Wohnungsunternehmen, denen meist das Wasser bis zum Halse steht, trotz der geforderten Einordnung der Abrißplanungen in integrierte gesamtstädtische Konzepte ein eilfertiger Aktionismus.

In beiden Fällen – ob nach der Strategie „Verdrängung“ wie nach der Strategie „kurz und schmerzlos“ – scheint der zu planende Abriß der bestehenden Bausubstanz als äußerst unangenehm, als Schmach und als Schande, empfunden zu werden. Der Suche nach einer alle Eigentümer und Beteiligte integrierenden Abrißstrategie ist diese Grundhaltung allerdings gewiß nicht förderlich: Denn welcher private Eigentümer möchte schon sein Gebäude einem so schmachvollen Prozeß opfern, welcher Politiker damit vor seine Wähler treten? Dabei versprechen die Stadtumbau- und Abrißkonzepte doch die Verbesserung einer tatsächlich schändlichen Situation, von bankrotten kommunalen Unternehmen und verwahrlosten Straßenzügen und Wohngebieten, hin zu einer ausgeglichenen Raum- und Nutzungsstruktur und neuen Qualitäten der entstehenden Freiflächen! Läßt sich Stadtumbau vielleicht doch noch anders planen und erfahren als mit zusammengebissenen Zähnen und einem schlechten Gewissen?

Ein Vergleich mit dem Umgang mit einem anderen ehemaligen „Schandfleck“ der Stadtentwicklung hilft eventuell weiter: Die großflächigen, z.T. noch gründerzeitlichen Industrieanlagen des Ruhrgebietes galten lange Zeit als häßlich, dreckig, Symbole kapitalistischer Ausbeutung einerseits bzw. überlebte Störfaktoren einer zu erreichenden Dienstleistungs- und High-Tech-Welt andererseits. Geschätzt wurde ihre Wirtschaftskraft, nicht ihre materielle Existenz – mit der es nach dem Verschwinden ihrer industriellen Funktion ein Ende gehabt haben könnte. Doch wurden seit den 80er Jahren in diesen Anlagen ganz neue Qualitäten entdeckt, die sich aus verschiedenen Quellen speisten: Denkmalschützer erkannten die historische und architektonische Qualität der Industrielandschaft, Kulturschaffende entdeckten vielfältige Räume für Arbeit und Präsentation und das spezifische Thema „Industriekultur“, Ökologen schätzten die Ruderalvegetation auf den Brachflächen und hielten ebenso wie viele Ökonomen die kostspielige komplette Beseitigung der Anlagen für Ressourcenverschwendung. Diese Kultivierung des altindustriellen Erbes, die im Ruhrgebiet stärker betrieben worden ist als in vergleichbaren europäischen Regionen, wurde erfolgreich an die Öffentlichkeit gebracht durch einige Pilotprojekte, wie die legendären Theateraufführungen in Maschinenhallen, und in den 90er Jahren durch das große Dach der IBA Emscher Park: Die IBA sorgte für eine theoretische Begleitung, organisatorische Koordinierung und erfolgreiche Veröffentlichung der vielen einzelnen Projekte. Das Beispiel Ruhrgebiet zeigt, daß ein angeblicher Schandfleck auch als ein einzigartiges, identitätsstiftendes Potential nicht nur einfach theoretisch umgedeutet, sondern tatsächlich erfolgreich umgestaltet werden kann, ein schmerzlicher Transformationsprozeß wurde als einzigartige Chance erkannt und genutzt.

Läßt sich aus dieser Strategie auch für den ebenso gravierenden Transformations­prozeß in Ostdeutschland lernen? Oder muß die Euphemisierung der Abrißbirne von „Rückbau“ über „Stadtumbau“ hin zu „einzigartiger Chance“ als Zynismus empfunden werden? Zum einen standen vor demselben Vorwurf auch einmal die Projekte der IBA Emscher Park – hier konnte aber vermittelt werden, daß zu dem umfassenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozeß auch ein Paradigmenwechsel in der Beurteilung seiner Hinterlassenschaften gehören muß! Zum anderen wird der Prozeß der Schrumpfung durch seine Nicht-Kultivierung ja nicht aufgehalten, lediglich sein Erleben fällt schmerzhafter auf. Auch wenn die Organisationsform der IBA selbst bestimmt nicht beliebig häufig eingesetzt werden kann – und eine „IBA Stadtumbau“ auch in Konkurrenz zur räumlich und zeitlich z.T. deckungsgleichen IBA Fürst-Pückler-Land treten würde – verspricht eine gewisse „Kultivierung der Schrumpfungsprozesse“ doch eine Reihe positiver Folgen:

 

·        Der Schrumpfungsprozeß wird nicht mehr als Schande erlebt, Beteiligte und Betroffene lassen sich so leichter in die Planung einbinden.

·        Die positive Öffentlichkeitsarbeit – denn berichtet wird sowieso, nur eben negativ! – sorgt für einen Marketingeffekt für Städte und Regionen.

·        Über die initiierten Projekte kann u.U. sogar eine positive Identitätsstiftung erreicht werden – auch das Umland von Dessau gilt beispielsweise nicht lediglich als ein Gebiet, in dem der Braunkohlentagebau eingestellt wurde, sondern als der Ort der spektakulären Veranstaltungskulisse Ferropolis, und das unscheinbare München-Riem wurde Anfang der 90er Jahre bekannt weniger als der Stadtteil, den der Münchener Flughafen verlassen hatte, sondern als Ort der größten Partyhallen in München.

 

Wie könnte so eine Kultivierung der Schrumpfung und des Abrisses ausgestaltet werden? Denkbar wären drei verschiedene und sich ergänzende Strategien, die sich die verschiedenen Phasen, d.h. das Prozeßhafte des Stadtumbaus zunutze machen: Leerstand, Abriß und Nachnutzung.

Leerstehende und zum Abriß vorgesehene Gebäude bieten einzigartigen Raum für kulturelle Experimente: zum einen einfach als günstiger Arbeits- und Veranstaltungsraum, in den nicht mehr investiert werden muß und der evtl. gewollt nachlässig behandelt werden kann – prominente Beispiele sind die Restnutzungen von Industriehallen von Berlin bis München durch Partyveranstaltungen über Sport bis zu Kunstprojekten (dabei dürfen allerdings keine Nutzungen in Abrißgebiete verlagert werden, die ansonsten auch Platz in integrierten Quartieren finden könnten!). Dabei ist es ein Irrtum zu glauben, daß Akteure und soziales Umfeld für diese Art von Restnutzungen auf Großstädte beschränkt wären: auch in Kleinstädten existiert regelmäßig eine kleine, aber zu aktivierende Kunstszene, und Sport und Partyveranstaltungen sollten relativ problemlos ihr Publikum finden. Zum anderen können die Gebäude selbst einen einzigartigen Werkstoff für skulpturale Projekte in nicht gekannter Größenordnung darstellen: der amerikanische Künstler Gordon Matta-Clark ließ mit seinen „cuttings“, z.B. mit einem großen, in ein Abrißhaus durch mehrere Stockwerke hineingeschnittenen Hohlkörper, schon in den 1970er Jahren die Möglichkeiten einer „house art“ (in Anlehnung an „land art“) ahnen. Und auch die Sandwüsten der Abraumhalden der IBA Fürst-Pückler-Land gewannen an Beachtung durch regelmäßige land-art-Installationen.

Der Abriß von Gebäuden selbst ist ein Ereignis, das seit jeher Schaulustige anzieht. Warum kann dieser spektakuläre Vorgang nicht auch einmal als Event gestaltet werden: moderiert, mit Interview des Sprengmeisters und technischen Erläuterungen, abends, unter dramatischer Beleuchtung, mit Musik, Bier und Würstchen? Oder gibt es sogar den ersten Schlag mit der Abrißbirne zu gewinnen? Wenn in Berlin Baustellen zu Sehenswürdigkeiten inklusive Eintrittsgelderhebung werden konnten, warum nicht erst recht die noch viel aufregenderen Abrisse in Schwedt oder Hoyerswerda?

Nach den temporären Phasen des Leerstandes und des Abrisses prägen die Nachnutzungen, d.h. die neu entstandenen Freiflächen und die erhaltenen Gebäudeteile, die geschrumpften Gebiete langfristig. Die vielfältigen Ansätze hierbei, von neuen Biotopen oder privaten innerstädtischen Gärten bis hin zu den Stadtvillen aus recycelten Plattenelementen, müssen als best-practice-Lösungen noch effektiver dokumentiert und veröffentlicht werden. Es wäre wünschenswert, hierfür eine gestalterische Sprache zu entwickeln, die die Geschichte dieser Orte, auch inklusive ihres Niederganges, nicht leugnet, sondern als einzigartiges Identifikationsmerkmal integriert und transformiert: so wie z.B. in den zahlreichen waterfront-Entwicklungen europäischer Großstädte gestalterisch immer wieder mit Versatzstücken des maritimen und merkantilen Erbes operiert wird.

Das Stadtumbau-Programm steht noch am Anfang seiner Wirkungsphase, die Konzepte werden erst erstellt, und noch ist die Möglichkeit eines unverkrampften, positiven Umgangs mit dem offensichtlich Unvermeidlichen offen. Der vorliegende Artikel hofft, dazu theoretisch und konzeptionell einige frühe Anregungen gegeben zu haben.

Achim Schröer

Der Artikel erschien auch in der planungsrundschau, Ausgabe 5.

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Erstelldatum: 25.11.2002
Autor: Achim Schröer