| Die englische Stadtentwicklungspolitik am Beispiel von Manchester
Europa wächst zusammen. Gleichzeitig aber nehmen
die Problemlagen in den Städten zu und sind mittlerweile so komplex,
dass sie mit herkömmlichen Mitteln der Stadtentwicklung nur noch unzureichend
in den Griff zu bekommen sind. Was liegt da näher, als zu den europäischen
Nachbarn zu schauen, die sich teilweise seit vielen Jahren mit Problemen
eines tiefgreifenden Strukturwandels und der Erneuerung benachteiligter
Stadtquartiere auseinandersetzen müssen? Im Juni 2002 führte daher
eine von der SRL-Regionalgruppe Berlin/Brandenburg organisierte Fachexkursion
nach London sowie in die ehemaligen Industriestädte Glasgow und Machester,
um sich dort über aktuelle Ansätze der englischen Stadtentwicklungspolitik
zu informieren. Eine der Städte Englands die lange Zeit mit Synonymen
wie verfallen, schmutzig, unattraktiv
und wirtschaftlich am Ende belegt wurden, ist Manchester.
Und tatsächlich haben sicher nur wenige Städte die Höhen und Tiefen
der industriellen Entwicklung so dramatisch durchgemacht wie Manchester.
Die Entwicklungsgeschichte der Stadt ist eine Geschichte von Umbrüchen,
wobei sich die ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen mehrfach
grundlegend verändert haben. Seit dem Niedergang der Wollproduktion
und der einsetzenden Deindustrialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts
ist die Stadt von vielfältigen Strukturproblemen gekennzeichnet. Dies
spiegelt sich auch in der Entwicklung der Einwohnerzahlen wider. Im
Zeitraum von Anfang der 1950er bis zum Beginn der 1990er Jahre ist
die Einwohnerzahl in den Innenbezirken (Manchester und Salford) des
Ballungsraumes Greater Manchester um ca. 40 Prozent (!) zurückgegangen.
Es haben sich dabei zum einen großräumige Abwanderungen in die wirtschaftlich
stabileren Regionen South-East und London vollzogen, zum anderen gab
es aber auch eine ausgeprägte Suburbanisierung, was sich daran ablesen
lässt, dass in der selben Zeit in den Außenbezirken des Ballungsraums
ein Einwohnerzuwachs von 175.000 Einwohnern zu verzeichnen war. Erst
seit etwa zehn Jahren verzeichnet Manchester wieder einen leichten
Bevölkerungszuwachs (Einwohnerzahl 2002: 394.300). Ein Beispiel für den radikalen Strukturwandel ist
der Hafen, in dem 1945 ca. 75.000 Arbeiter beschäftigt waren. Bis
1976 war diese Zahl auf 15.000 geschrumpft. Anfang der 1980er Jahre
wurde der Hafen komplett geschlossen. Allein im Zeitraum von 1972-84
ist die Zahl der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe in der Region
Greater Manchester um 207.000 zurückgegangen. Dementsprechend erreichte
die Arbeitslosenquote mit ca. 20 Prozent im Jahr 1986 ihren Höhepunkt.
Folge des ökonomischen Niedergangs war eine hohe Problemkonzentration
von Arbeitslosigkeit und Armut, aber auch Leerstand und Verfall in
einzelnen Stadtquartieren, speziell in innerstädtischen traditionellen
Arbeiterbezirken und Siedlungen der Nachkriegszeit. Manchester making it happen, mit
diesem Werbespruch ist die Stadt Anfang der 1980er Jahre aktiv und
offensiv zum umfassenden Stadtumbau angetreten. Manchester sollte
wieder ökonomisch erfolgreich, kulturell vielfältig, für die Bevölkerung
lebenswert sowie international bekannt und attraktiv werden. Es wurde
begonnen, über die Bildung von Patenschaften und unter Einbeziehung
des privaten Sektors, einzelne zentrale Entwicklungsgebiete und ausgewählte
benachteiligte innenstadtnahe Wohngebiete aufzuwerten bzw. zu stützen.
Dazu wurden unterschiedliche Initiativen ins Leben gerufen: z. B.
zwei Urban Development Corporations (Central Manchester und Trafford
Park), eine Enterprise Zone (Salford / Trafford), das Manchester City
Action Team und mehrere Task Forces (u.a. Moss Side und Hulme Task
Force). Diese Initiativen sorgten dafür, dass Gelder aus unterschiedlichen
zentralstaatlichen Programmen in die Region flossen. Seit den 1990er
Jahren sind mehrere Gebiete in das staatliche City Challenge Programm
aufgenommen worden. In diesem Programm werden staatliche Subventionen
in einem interkommunalen Wettbewerb vergeben, in dem die Kommunen
nicht nur ganzheitliche Erneuerungsstrategien, sondern auch partnerschaftlich
organisierte Umsetzungsstrategien nachweisen müssen. Zur Realisierung der ehrgeizigen Ziele setzten die
lokalen Akteure neben der Erneuerung benachteiligter Wohnquartiere
auf die Umsetzung zahlreicher Einzel- und Großprojekte vor allem im
Freizeit- und Sportbereich. Angestrebt wurde eine Neuverortung der
Stadt in der internationalen Standortkonkurrenz. Dazu beitragen sollte
die Bewerbung Manchesters um die Olympischen Spiele der Jahre 1996
und 2000. Beide Bewerbungen scheiterten zwar, doch dafür war Manchester
1996 einer der Austragungsorte der Fußball-WM und im August 2002 Ausrichter
der Commonwealth Games. Es entstanden u.a. ein Fußballstadion, ein
Millenium Stadion und ein Velodrom. Beispiele weiterer
zumeist in Form von Public-Privat-Partnership realisierter prestigeträchtiger
Großprojekte sind die Umnutzung des ehemaligen Hauptbahnhofs zum Ausstellungs-
und Kongreßzentrum, der Neubau der Konzerthalle Bridewater Hall, Museumsneubauten,
wie bspw. das im Jahr 2002 eröffnete Imperial War Museum des Stararchitekten
Libeskind oder das ebenfalls 2002 eröffnete Museum städtischen Lebens
Urbis. In gewisser Weise Auslöser für die Neuplanung der
Innenstadt war ein IRA-Bombenanschlag während der Fußball-WM im Sommer
1996. Die Detonation einer Autobombe hatte damals zu erheblichen Zerstörungen
im Zentrumsbereich geführt. Mit Unterstützung der Nationalregierung
wurde kurzfristig ein internationaler Architektenwettbewerb ausgelobt
und unter dem Slogan Millenium City große Teile der Innenstadt
neu entwickelt. Es entstanden neue Flächen für Handel und Gewerbe,
attraktive öffentliche Plätze, eine verbesserte Verkehrsinfrastruktur.
Auch für diese Projekte sind unterschiedliche Formen der Kooperation
von öffentlicher Hand und privaten Investoren charakteristisch, wobei
neben Geldern der EU und privaten Mitteln immerhin 20 Mio. Pfund aus
Mitteln der zentralstaatlichen Millenium Commission bereitgestellt
wurden. Die Problemlagen sind in Manchester teilräumlich
sehr unterschiedlich gelagert, so dass es natürlich auch unterschiedlich
Ansätze der Quartiersentwicklung und -erneuerung gibt. Dazu gehören
der flächenhafte Abriss und die Neubauung ganzer Stadtquartiere wie
in Hulme und Moss Side, wo ähnlich wie in Glasgow-Gorbals (vgl. den
Beitrag von Thomas Thurn in diesem Heft) bereits Anfang der 1990er
Jahre damit begonnen wurde, die vorwiegend aus den 1950er und 1960er
Jahren stammenden und in einem katastrophalen baulichen Zustand befindlichen
Wohngebäude abzubrechen und durch neue Reihenhausbebauung zu ersetzen
(Lynn 1994). In Hulme vollzog sich damit zweimal innerhalb von nur
40-50 Jahren Stadterneuerung in Form von Komplettabriss und Neubebauung.
Diese Radikalität des Stadtumbaus, die allerdings wesentlich auf schwere
Baumängel zurückzuführen ist, ist für mit dem Stadtumbau in Ostdeutschland
beschäftigte Planerinnen und Planer überraschend. Eine ebenfalls komplette Umgestaltung und Umnutzung
haben in den letzten 15 Jahren die ehemaligen Dockanlagen direkt am
Manchester Ship Canal, die Salford Quays erfahren. Alle alten Gebäude
wurden abgerissen und mit gewaltigem Aufwand eine vollständig neue
Infrastruktur errichtet. Heute befinden sich auf dem Gelände Luxuswohnanlagen,
Bürokomplexe, Hotels und Freizeitanlagen in einem mehr oder weniger
gelungenen postmodernen Disneylandlook. Schon eher behutsam
zu nennen sind Sanierungsmaßnahmen entlang der Kanalzone in der Innenstadt,
wo der Versuch unternommen wird, Wasser als Qualitätsmerkmal in der
Stadt wieder erlebbar zu machen. Ebenfalls in diese Kategorie fällt
die Erneuerung des westlich der Innenstadt gelegenen Castlefield-Gebiets.
Dieses durch Kanäle, historische Bahnviadukte, Brücken, Speicher und
Lagerhäuser geprägte Gebiet, das den eigentlichen historischen Geburtsort
von Manchester bildet, wurde 1982 zum ersten Urban Heritage Park Englands
ernannt und in der Folge aufwändig saniert. Die Maßnahmen umfassen
die Instandsetzung und Wiedernutzung der Kanalsysteme, die Erneuerung
alter Fabrik- und Speichergebäude sowie den Neubau von Wohnungen,
Hotels, einer Jugendherberge. Charakteristisch für Prozesse der Quartierserneuerung
in Manchester, wie auch in anderen englischen Städten, sind Planungspartnerschaften
zwischen öffentlicher Hand und privaten Investoren. Dabei geht es
darum, die jeweiligen akteursspezifischen Potenziale zu nutzen, um
eine abgestimmte und effiziente Aufgabenverteilung zwischen öffentlichem
und privatem Sektor zu erreichen. So kümmert sich die kommunale Politik
und die öffentliche Verwaltung z. B. um die Beschleunigung der Verfahren,
die Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen sowie die Einwerbung
weiterer Fördermittel und die Abstimmung mit den gesamtstädtischen
Planungen. Die privaten Projektentwickler ermöglichen als marktorientierte
Investoren die Finanzierung und das Management vielfältiger Aufgaben.
Gleichzeitig bieten die Partnerschaften den privaten Akteuren spezifische
Anreize, um sie zu einem Engagement zu bewegen. Zu nennen sind u.
a. der Zugang zu neuen Ressourcen (städtischen Flächen, öffentlichen
Fördermitteln), die Risikoreduzierung durch Einbindung in eine Gesamtentwicklung,
Investitionssicherheit durch verbindliche politische Unterstützung
sowie Möglichkeiten der Imagepflege durch positive Außenwirkungen
von Entwicklungsvorhaben. (Dettmer, Kreutz 2001) Im Unterschied zu den in Deutschland diskutierten
lokalen Partnerschaften von unten sind Partnerschaftskonzepte
in England, allen voran City Challenge, oft in erster Linie als von
oben initiierte Partnerschaftskonzepte zu charakterisieren.
So erfolgt meist keine Delegierung von finanziellen Mitteln und Kompetenzen
auf die Quartiersebene. Die endogenen Potenziale des Quartiers, z.
B. bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe und Problemlösungskompetenzen
werden meist nur dann genutzt, wenn sie als Anknüpfungspunkte für
externe Ressourcen dienen. Auf der anderen Seite beschränkt sich die
deutsche Erneuerungspraxis geradezu konträr dazu bisher im wesentlich
auf die Förderung der endogenen Potenziale, indem insbesondere die
Partizipation von Akteuren des sogenannten dritten Sektors (lokale
Bevölkerung und gemeinnützige Organisationen) unterstützt wird. Diese
Einengung wird den komplexen Herausforderungen in benachteiligten
Quartieren aber nur teilweise gerecht. (Dettmer, Kreutz 2001) Es bietet
sich hier also ein Feld zum Lernen auf beiden Seiten, wobei zu wünschen
wäre, dass sich die kommunalen Akteure in Deutschland künftig vorbehaltloser
auf Möglichkeiten integrierter Planungspartnerschaften mit privaten
Akteuren einlassen. Heike Liebmann (Dipl.-Ing.
für Stadtplanung, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner) Literatur: Dettmer, Julia; Kreutz,
Stefan (2001): Neue Partner fürs Quartier. Planungspartnerschaften
in der englischen Quartierserneuerung. (Dortmunder Beiträge zur Raumplanung
102) Hansestadt Hamburg, Stadtentwicklungsbehörde
(1996): Erfahrungsbericht Quartierserneuerung in Manchester Lynn, Jenny (1994): Lokale
Politik für benachteiligte Stadtquartiere in England das Beispiel
Hulme in Manchester. In: Foessler; Rolf u.a. (Hg.) (1994): Lokale
Partnerschaften. Die Erneuerung benachteiligter Quartiere in europäischen
Städten. Basel, Boston, Berlin, S. 240-252 |
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ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 25.11.2002 Autor: Heike Liebmann |